Marc Schallmeyer

Transformation von Marketing und Sales

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Warum CRM dort endet, wo Entscheidung beginnt

Warum CRM-Einführungen selten Verkaufsprobleme lösen

Kaum ein System wird in Organisationen mit ähnlich hohen Erwartungen eingeführt wie ein CRM. Wenn Umsätze stagnieren, Forecasts unsicher werden oder der Vertrieb an Schlagkraft verliert, fällt die Antwort häufig reflexhaft aus: mehr Transparenz, sauberere Prozesse, bessere Daten. Das CRM soll Ordnung schaffen und damit Wirkung entfalten.

In der Praxis bleiben diese Erwartungen oft unerfüllt. CRM-Einführungen sind technisch korrekt umgesetzt, organisatorisch breit verankert und operativ tief integriert. An den Verkaufsergebnissen ändert sich dennoch wenig. Abschlussquoten bleiben stabil, Pipelines wachsen in der Länge, nicht in der Substanz, Prognosen bleiben Annäherungen. Das Problem liegt nicht in der Technologie. Es liegt in der Annahme, was ein CRM leisten kann und wofür es eingesetzt wird.

 

CRM-Systeme dienen heute vielen Zwecken. Sie strukturieren Kunden- und Kontaktinformationen, sichern Service- und Supportprozesse ab, dokumentieren Interaktionen, unterstützen Marketingaktivitäten und erfüllen regulatorische Anforderungen. In dieser Rolle funktionieren sie häufig zuverlässig. Sie schaffen Ordnung, sichern Wissen und stabilisieren Organisationen.

 

Die Fehlannahme entsteht dort, wo aus dieser organisatorischen Zentralität eine zusätzliche Wirkung abgeleitet wird: das Lösen von Verkaufsproblemen. Systeme, die Beziehungen dokumentieren und Prozesse absichern, sind nicht dafür gebaut, Nachfrage zu erzeugen oder Kaufentscheidungen herbeizuführen.

Je breiter ein CRM genutzt wird, desto stärker wird es zum gemeinsamen Bezugspunkt unterschiedlicher Interessen. Marketing, Service, Vertrieb, Controlling und Management projizieren ihre Erwartungen auf dasselbe System. Dass diese Erwartungen nicht gleichzeitig erfüllbar sind, bleibt oft unausgesprochen.

 

Ein CRM hält fest, was bereits geschehen ist. Gespräche, Kontakte, Angebotsstände, Statuswechsel. Es bildet Vertriebsrealität ab, es erzeugt sie nicht.

Verkaufsprobleme entstehen jedoch nicht aus fehlender Dokumentation, sondern aus fehlender Relevanz. Kunden entscheiden sich nicht gegen einen Kauf, weil Informationen nicht sauber gepflegt sind, sondern weil Nutzen unklar bleibt, Prioritäten anders liegen oder interne Entscheidungsprozesse blockieren.

Ordnung wird in solchen Situationen leicht mit Wirkung verwechselt. Transparenz schafft Übersicht, aber keine Entscheidung.

 

CRM-Projekte versprechen Sichtbarkeit. Pipelines lassen sich auswerten, Aktivitäten vergleichen, Wahrscheinlichkeiten berechnen. Die Organisation weiß mehr über sich selbst.

Was sie dadurch nicht automatisch weiß, ist, warum Kunden zögern. Das System zeigt, dass Gespräche stattfinden, nicht, welche Unsicherheiten bestehen. Es zeigt den Status einer Opportunity, nicht ihre tatsächliche Priorität. Es misst Bewegung, nicht Entscheidung.

Die Reaktion auf diese Lücke ist selten strategisch. Häufig wird operativ nachgesteuert: mehr Kontakte, kürzere Zyklen, strengere Vorgaben. Die Frage, ob das Angebot überhaupt eine Entscheidung auslöst, bleibt unbeantwortet.

 

Viele Organisationen interpretieren ausbleibende Abschlüsse als strukturelles Defizit. Der Funnel müsse präziser, die Phasen klarer, die Übergaben sauberer definiert werden.

In vielen Märkten liegt das Problem jedoch nicht im Ablauf, sondern in der Entscheidungsfähigkeit auf Kundenseite. Kaufprozesse verlaufen fragmentiert. Sie werden unterbrochen, verschoben, neu bewertet. Entscheidungen entstehen verteilt über Zeit, Akteure und Kontexte.

 

CRM-Systeme verlangen dagegen linearen Fortschritt. Phasen müssen abgeschlossen, Status gewechselt, Wahrscheinlichkeiten gesetzt werden. Diese Logik dient interner Steuerung, bildet reale Kaufentscheidungen jedoch nur eingeschränkt ab.

 

Die Folge ist eine Anpassung der Realität an das System. Chancen bleiben länger offen, Forecasts werden optimistisch gerechnet, Phasen künstlich verlängert. Das CRM wird zum Instrument organisatorischer Stabilisierung.

 

CRM-Systeme wirken nicht neutral. Sie verstärken bestehende Muster.

Wo Produktlogik dominiert, wird das CRM zur Angebotsverwaltung.

Wo Kampagnenlogik prägt, wird es zur Lead-Verwertungsstruktur.

Wo Kontrolle im Vordergrund steht, wird es zum Reporting-Instrument.

 

Je stärker ein CRM als organisatorisches Rückgrat genutzt wird, desto geringer ist seine unmittelbare Wirkung auf Verkaufsergebnisse. Nicht, weil Verkauf und Organisation unvereinbar wären, sondern weil sie unterschiedlichen Regeln folgen.

 

Organisation verlangt Vergleichbarkeit, Standardisierung und Wiederholbarkeit. Verkauf ist geprägt von Kontext, Situation, Beziehung und Entscheidung. CRM-Systeme stabilisieren Organisation. Sie bilden Unsicherheit nur begrenzt ab.

 

Besonders deutlich wird diese Logik dort, wo abrechnungsnahe Funktionen in das CRM verlagert werden. Oft geschieht dies aus nachvollziehbaren Gründen: Durchgängigkeit, Transparenz, weniger Reibung zwischen Bereichen.

Problematisch wird es nicht durch die Integration selbst, sondern durch das, was dabei offenbleibt.

 

Buchhaltung erzwingt Klarheit: richtig oder falsch, verbucht oder nicht. CRM erlaubt Übergänge: Status, Ausnahmen, Klärungsbedarf. Wird diese Grenze unscharf, verschiebt sich nicht nur ein Prozess, sondern die Frage, wer entscheidet, was gilt. Das ist keine technische Frage, sondern eine organisationale.

 

CRM-Einführungen werden häufig mit dem Anspruch datenbasierter Steuerung begründet. In der Praxis werden Aktivitäten detailliert erfasst, Entscheidungsinformationen jedoch kaum strukturiert.

Es wird dokumentiert, dass gesprochen wurde, nicht, was den Kunden zögern lässt. Der Status ist bekannt, nicht die innere Logik der Entscheidung. Felder lassen sich konfigurieren. Haltung nicht.

Wer Verkauf als Durchlaufprozess versteht, nutzt das CRM entsprechend. Wer Verkauf als Entscheidungsarbeit begreift, stößt mit klassischen CRM-Logiken an Grenzen.

 

Auffällig ist, dass CRM-Einführungen häufig unter hohem Druck erfolgen. Wachstum bleibt aus, Prognosen sind unsicher, Erwartungen steigen. Das System soll Stabilität schaffen.

Doch genau dann fehlt oft die strategische Klarheit, die ein CRM sinnvoll nutzbar machen würde. Zielgruppen sind zu breit, Angebote zu wenig differenziert, Rollen unklar. Technologie ersetzt Entscheidung.

 

CRM-Systeme stabilisieren Organisationen. Sie schaffen Ordnung, Vergleichbarkeit und Verlässlichkeit. Gerade deshalb sind sie in komplexen Umfeldern attraktiv.

 

Problematisch wird diese Stabilität erst dort, wo sie beginnt, vorgelagerte Fragen zu überdecken:

 

Was ist für wen relevant?

Welche Nachfrage ist real, welche nur erwartet?

Wo entsteht tatsächlich eine Entscheidung – und wo lediglich Aktivität?

 

CRM-Systeme können diese Fragen nicht beantworten. Sie setzen voraus, dass sie beantwortet sind. Wenn sie es nicht sind, füllt das System die Lücke mit Prozessen, Status und Volumen.

 

Die Konsequenz zeigt sich häufig im nächsten Schritt:

Wenn Ordnung nicht zu Wachstum führt, wird der Input erhöht. Mehr Kontakte, mehr Kampagnen, mehr Leads. Nicht, weil man glaubt, dass Volumen ersetzt, was fehlt – sondern weil es einfacher ist, Input zu skalieren als Entscheidung zu erzwingen.