Wenn Vertriebsziele verfehlt werden, ist die Erklärung schnell zur Hand. Es fehlt an Motivation. Zu wenig Biss, zu wenig Druck, zu wenig Incentive. Entsprechend reflexhaft fallen die Maßnahmen aus: Zielanpassungen, Bonusprogramme, Appelle an Leistungsbereitschaft. Die Diagnose wirkt plausibel, weil sie einfach ist.
Und sie ist falsch – in den meisten Fällen.
Sales-Performance scheitert nicht am Willen, sondern an der Struktur, in der dieser Wille wirken soll.
Vertrieb ist heute eingebettet in ein Umfeld, das komplexer, widersprüchlicher und fragmentierter ist als je zuvor. Kaufentscheidungen entstehen verteilt über Zeit, Kanäle und Akteure. Kunden sind informierter, vorsichtiger und weniger berechenbar. Gleichzeitig bleiben die internen Steuerungsmodelle vieler Organisationen erstaunlich eindimensional. Ziele werden gesetzt, Quoten verteilt, Aktivitäten gemessen.
Was fehlt, ist ein konsistenter Rahmen, der erklärt, wie Leistung überhaupt entstehen kann.
Motivation ist dabei das am meisten überschätzte Element. Sie ist notwendig, aber nicht hinreichend. Ein hochmotiviertes Team in einem schlecht strukturierten System wird nicht besser, sondern schneller scheitern. Engagement verstärkt Wirkung – aber nur, wenn es auf ein tragfähiges Fundament trifft.
In vielen Unternehmen ist genau dieses Fundament nicht stabil. Die Übergaben zwischen Marketing und Sales sind unklar, Prioritäten wechseln, Zielbilder widersprechen sich. Vertriebsmitarbeitende sollen gleichzeitig beraten, abschließen, dokumentieren, prognostizieren und neue Accounts erschließen. Performance wird an Kennzahlen gemessen, deren Entstehung sie kaum beeinflussen können. In dieser Gemengelage Motivation einzufordern, ist bequem – aber wirkungslos.
Besonders deutlich wird das beim Thema Forecast.
Wenn Prognosen regelmäßig verfehlt werden, wird das oft als Disziplinproblem gelesen. Zu optimistisch, zu defensiv, zu wenig Commitment. Tatsächlich sind Forecasts in vielen Organisationen methodisch überfordert. Sie aggregieren individuelle Einschätzungen in einem System, das Unsicherheit nicht abbilden kann. Das Ergebnis ist keine Steuerungsgrundlage, sondern eine Beruhigungszahl.
Motivation kann diese strukturelle Schwäche nicht kompensieren. Sie kann sie höchstens kurzfristig überdecken.
Ein weiterer blinder Fleck liegt in der Annahme, Performance ließe sich isoliert im Vertrieb erzeugen. Wachstum wird dann zur Vertriebsaufgabe erklärt, während Produkt, Pricing, Kommunikation und Entscheidungslogik als gegeben gelten. Der Vertrieb soll liefern, was das System nicht vorbereitet. Das führt zwangsläufig zu Reibung – und zu Frustration.
Leistungsfähigkeit entsteht dort, wo Klarheit herrscht.
Klarheit über Zielkunden, über Prioritäten, über Entscheidungsräume. Klarheit darüber, welche Deals strategisch relevant sind und welche nicht. Klarheit darüber, wann ein Abschluss realistisch ist und wann nicht. Diese Klarheit ist kein Motivationsprodukt, sondern ein Ergebnis von Strukturarbeit.
Viele Organisationen scheuen diese Arbeit, weil sie unbequem ist. Sie zwingt dazu, Annahmen zu hinterfragen, Zielkonflikte offenzulegen und Verantwortlichkeiten neu zu ordnen. Stattdessen wird an Stellschrauben gedreht, die leichter zugänglich sind: Boni, Zielvorgaben, Vertriebsmeetings. Der Effekt bleibt begrenzt, weil die Ursache unberührt bleibt.
Hinzu kommt ein Missverständnis über Leistung selbst. Performance wird häufig als individuelles Ergebnis gelesen: Wer viel abschließt, ist gut. Wer wenig abschließt, muss sich mehr anstrengen. Diese Sicht verkennt, dass Vertrieb heute eine kollektive Leistung ist. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Datenqualität, Angebotslogik, Timing, interner Unterstützung und externer Relevanz. Einzelne Akteure können dieses Zusammenspiel nicht ersetzen.
Das erklärt, warum Vertriebsorganisationen mit hoher Fluktuation oft besonders stark auf Motivation setzen. Wo Struktur fehlt, muss Energie kompensieren. Das ist auf Dauer nicht tragfähig. Motivation verschleißt, wenn sie dauerhaft gegen Systemgrenzen arbeitet.
Ein nachhaltiger Ansatz beginnt daher an einer anderen Stelle.
Nicht mit der Frage, wie sich Menschen stärker antreiben lassen, sondern mit der Frage, welche Rahmenbedingungen Leistung ermöglichen. Welche Informationen stehen wann zur Verfügung? Welche Entscheidungen werden wo getroffen? Welche Ziele sind kompatibel, welche konkurrieren miteinander? Welche Aktivitäten zahlen tatsächlich auf Wachstum ein?
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, kann Motivation ihre Wirkung entfalten. Dann wird sie zum Beschleuniger, nicht zum Ersatz. Dann entsteht Performance nicht aus Druck, sondern aus Orientierung.
Unternehmen, die Vertrieb erfolgreich skalieren, zeichnen sich nicht durch besonders aggressive Incentives aus. Sie zeichnen sich durch Konsistenz aus. Konsistenz zwischen Marktansprache und Angebotsstruktur. Konsistenz zwischen Erwartung und Machbarkeit. Konsistenz zwischen Messung und Steuerung.
In solchen Systemen ist Motivation selten ein Thema – nicht, weil sie fehlt, sondern weil sie nicht permanent eingefordert werden muss. Leistung entsteht als Nebenprodukt eines funktionierenden Systems.
Die eigentliche Herausforderung liegt daher nicht im Mindset der Mitarbeitenden, sondern im Mindset der Organisation.
Wer Performanceprobleme reflexhaft psychologisiert, vermeidet die Auseinandersetzung mit Struktur. Wer Struktur ernst nimmt, verändert die Bedingungen, unter denen Motivation wirken kann.
Sales-Performance scheitert selten an Motivation. Sie scheitert an fehlender Klarheit, an widersprüchlichen Steuerungsmodellen und an Organisationen, die Verantwortung delegieren, ohne Entscheidungsfähigkeit zu schaffen.
Wer das erkennt, verschiebt den Fokus. Weg von Appellen. Hin zu Architektur. Und genau dort beginnt nachhaltige Performance.

